Trans Germany 2008
Vorbereitung
Am Freitag Mittag wurde ich von Haasi in Buochs abgeholt und wir zogen mit unserem Bus los Richtung Erbach im Odenwald. Mitten in Deutschland fuhren wir durch ein riesiges Gewitter. Es hagelte und man sah auf der Autobahn keinen Meter mehr. Die Plätze unter den Brücken waren alle besetzt. In Erbach angekommen, durchliefen wir das ganze Anmeldungsprozedere. Mit der Nummer 205 werden wir am nächsten Morgen an den Start gehen. Am Abend an der ersten Pastaparty musterten wir die Waden unserer Gegner. Langsam kam auch bei uns eine gewisse Nervosität auf.
1. Etappe
Erbach – Frammersbach 103 km 2257 Hm
Mit 250 anderen Teams, davon 32 Mixed Teams starten wir in der schönen Altstadt von Erbach. Die ersten 30km sind neutralisiert. Das heisst, für uns „Höbbeler" beginnt das Rennen vom ersten Kilometer an, um den Anschluss nicht zu verlieren. Bereits in der Neutralisation sichten wir zu unserer Freude die ersten Abschleppmanöver unserer Gegner. Unsere Taktik, möglichst mit den Schnellsten an den scharfen Start zu gelangen, geht auf. Wir können mit schnellen Gruppen über die Flächen heizen und die Singletrails sind nicht mit Gegnern verstopft. Allerdings sind durch die Unwetter im Renngebiet einige Bäume und Geröll zu überwinden. Haasi testet den Waldboden dann auch einmal genauer, als sie einen Baum zu umfahren versucht.
Mit vielen Zuschauern auf der Strecke fahren wir am ersten Tag im Ziel ein. Überrascht sind wir von der genialen Zielverpflegung. Sie wird jeden Tag vom Zielort ausgerichtet und beinhaltet unter anderem Schinken, Salami, Käse, Lachsbrote, verschiedene Kuchen, Riegel, Schokolade weiss, schwarz, braun, alkoholfreies Weizenbier (ist übrigens isotonisch) usw…
2. Etappe
Frammersbach – Bischofsheim 83 km 2050 Hm
Nach einer ersten Nacht in der Turnhalle auf der kleinen Isomatte mit mehreren Holzfällern und Stinktieren stehen wir wieder am Start. Mehrere hundert Schüler und Eltern säumen die Strecke durch den Ort. Wir hatten die gestrige Etappe auf dem guten 8. Rang beendet und können deshalb im ersten Startblock starten. Unsere Gegner von Rang 3. bis 15. liegen alle innerhalb einer Viertelstunde. Es bleibt also spannend. Mit ein bisschen Schadenfreude beobachten wir das Gesicht der Deutschen Profibikerin Sandra Klose vom Team Zwillingskraft. Wie der Teamname sagt, sind sie und ihre Zwillingsschwester Peggy mit ihren Partnern in der Mixed Kategorie dabei. Allerdings reicht es dem einten Zwilling Sandra nach der ersten Etappe aber nur für einen Platz im zweiten Startblock. Wie es sich für einen Profi gehört, will sie sich heute Morgen in den ersten Block einreihen. Ein Supporter weisst sie aber zurück in den zweiten Block. Das verdirbt der erfolgsverwöhnten Bikerin den ganzen Tag. Mit saurer Miene startet sie dann halt im zweiten Block, um kurz darauf infolge Rückenschmerzen aufzugeben. Kommen die Rückenschmerzen wohl vom schweren suren Stei?
Auf jeder Etappe sind in der Regel 3 bis 4 Verpflegungsposten verteilt. Ich sprinte jeweils mit den Trinkflaschen voraus und fülle sie auf. Haasi darf (oder muss) so mit oder wenn möglich ohne kurzen Stopp weiterfahren. Da unsere Konkurrenten mit ihren gesponserten Trikots usw. Betreuer an der Strecke haben, müssen wir nach jeder Verpflegung eine Aufholjagd starten. Heute sind zwischen Posten 2 und 3 45 km Distanz. Es ist heiss und einige Asphaltaufstiege tragen nicht zur Abkühlung bei. Auch ein Tandem, welches mit uns mitfährt, ist völlig trocken und halb am verdursten. Trotzdem werden ein paar Worte gewechselt. Die ersten Worte von noch vielen folgenden. Mit gefüllten Flaschen nehmen wir den letzten Anstieg in Angriff. Vom Kreuzberg geht es noch 10km bergab und 3km leicht ansteigend ins Ziel. In der Abfahrt schliesst das Frauen Team Sirius mit Birgitt und Jasmin zu uns auf. Schon von weitem schreien sie „laufen lassen - Die Klose kommt - Die fährt runter wie ein Henker." Nach rasanten Downhill mit den beiden Frauen kommt Peggy Klose tatsächlich von hinten angeschossen. Darum heisst es noch einmal Zähne zusammenbeissen. Mit einem packenden Schlusssprint über 3 km können wir unseren 6. Etappenrang vor dem Team Zwillingskraft ins Ziel retten.
3. Etappe
Bischofsheim – Oberhof 95km 2700Hm
Langsam wird alles zur Routine, Start, Kampf um jeden Meter mit immer etwa den gleichen Teams, Ziel, Bikewash, relaxen, Pastaparty, schlafen. Auch heute treffen wir wieder etwa die gleichen Teams, Quest ein Seniormasterteam aus Rosenheim, die auch schon am Cape Epic dabei waren, ein Tandem mit Michael Opper, das Frauenteam Sirius und natürlich unseren direkten Gegner der Mixedkategorie. Da für die 4. Etappe eine Attacke auf dem Programm steht, wollen wir heute nur mässig Gas geben. Laut Plan. Doch als das Team Focus am letzten Verpflegungsposten vorbeifährt und uns bei den Isofässern und Riegeln wortwörtlich stehen lässt, müssen wir gezwungenermassen reagieren. Mit letzter Kraft schliessen wir wieder zu ihnen auf. Als dann Focus ein paar Meter weiter vorne von ihren Helfern verpflegt wird, ziehen wir entfesselt durch und lassen nichts mehr anbrennen. Wir finishen auf dem 7. Etappenrang. Und viel müder, als geplant.
4. Etappe
Oberhof – Bad Steben 120km 2500Hm
Heute steht die Königsetappe an. Es regnet bereits am Start. Aber das macht uns nichts aus. Wir sind mit unserem verregneten Trainingslager gut vorbereitet. Haasi kann kaum Treppensteigen. Ihr schmerzen die Beine vom gestrigen letzten Anstieg. Trotzdem sagt uns das Höhenprofil heute voll zu. 120 km mit vielen kleinen Anstiegen. So heisst es möglichst vorne mit einer schnellen Gruppe zu fahren. Etwa ab der Hälfte der Distanz bildet sich eine Gruppe mit drei Mixed Teams und ein paar Männerteams. Leider muss immer ein Mixed Team für Tempo sorgen. Die anderen sind bereits am Anschlag. Die Strecke führt über viele Waldpfade mit nassen Wurzeln, welche nicht leicht zu fahren sind. Sogar ich gehe einmal unsanft zu Boden. Im zweiten Teil wird es uns zu bunt. Da wir sowieso immer am Führen sind, ziehen wir in einem leichten Anstieg das Tempo an. Unsere Gegner verdrehen langsam die Augen und die Gruppe wird immer kleiner. Nun heisst es durchziehen. Im steilen Anstieg vor der letzten Verpflegung taucht plötzlich das Leadertrikot der Mixedwertung vor uns auf. Der Partner der Schweizerin Milena Landtwing hat Buochser Gefühle (Magenprobleme) und bleibt praktisch am Berg stehen. Den dritten Platz vor Augen ziehen wir den Schlusssprint diesmal 15 km vor dem Ziel an und überholen sie. Das Podest beflügelt uns und wir fliegen praktisch dem Ziel entgegen. Ich voraus. Und Haasi mit Tunnelblick an meinem Hinterrad. Wir geben nicht mehr nach und erreichen auf dem dritten Platz das Ziel in Bad Steben. Doch erst als der Speaker uns als drittes Mixed Team begrüsst, können wir es richtig glauben. Bereits 2 min nach uns kommen dann schon die nächsten Paare ins Ziel, das war knapp. Mit Freudentränen fallen wir uns in die Arme. Der ganze Abend wird zum Jubellauf für das Team los pezos. Im Camp wird von allen Seiten gratuliert. Es ist nicht selbstverständlich, dass ein Team aus der Turnhalle ein solcher Erfolg gelingt. Die Zeit bis zur Siegerehrung geniessen wir wie noch nie. Auf dem Podest sind wir mächtig stolz. Aber auch glücklich, dass wir nicht erster wurden. Das 1. Podest wäre für Haasis Muskelkater wohl zu hoch gewesen. Glücklich über den heutigen Erfolg und mit der gewonnenen Kappe schlafen wir heute noch besser auf der harten Matte.
5. Etappe
Bad Steben – Schöneck 98 km 2230 Hm
Heute ist der Pfupf draussen. Im ersten grossen Anstieg müssen wir reissen lassen. Über die folgenden Flächen sind wir darum grösstenteils alleine im Wind unterwegs. Als von hinten ein Schnell-Zug mit zwei Tandems anrollt, klinkten wir uns ein und holen zusammen Team um Team ein. In den Abfahrten lassen wir andere mit unseren Downhillqualitäten stehen und sind schon wieder alleine unterwegs. Am steilen Zielanstieg büssen wir für unsere Alleinfahrt und werden noch von ein Paar Teams kassiert. An der Zielverpflegung staunt ein Mitkonkurrent über die Abfahrtstechnik von Haasi und fragt mich, ob sie eine Downhillerin sei. Das ist kein Witz! Er hat versucht, ihr auf einer Abfahrt zu folgen und viel prompt auf den Latz. Der Zielort Schöneck ist auf einem Berg in einem Skigebiet. Mit dem Sessellift fahren wir im Schritttempo zur Talstation an die Pastaparty . Für die Holländer das Highlight der Woche und ein Foto wert.
6. Etappe
Schöneck – Oberwiesenthal 81 km 1932 Hm
Häufig werden wir während der Woche gefragt, ob wir auch ich richtigen Leben ein Team sind. Viele Freundschaften und sogar Ehen sind schon am Transalp und Trans Germany gescheitert. Darum sind Mixed Teams meistens bunt zusammengewürfelt. Nicht so Los Pezos. Doch heute stehen wir ausnahmsweise aufgrund verschiedener Gesprächspartner ein paar Meter auseinander am Start. Und dann erst noch mit unterschiedlichen Trikots. Was nicht mit absichtlicher Gegnerverwirrung, sondern mit Faulheit beim Waschen zu tun hat. Das Team Quest fragt bereits, ob dicke Luft herrsche und ich könne auch mit ihnen fahren. Ob sie wohl eine Vorahnung haben? Die ganze Etappe läuft ganz ordentlich bis zur letzten Verpflegung vor dem Fichtelberg. Ich habe wieder einmal das dringende Bedürfnis und muss austreten. Und Haasi fährt weiter. Wie immer. Wenn ich austrete. Und fährt zu. Wie von der ersten Etappe an abgemacht. Bis heute ist mir nicht klar, warum ich plötzlich das Gefühl hatte, sie sei auch ausgetreten. Tief hinein in den Wald. Und jetzt den Weg nicht mehr zurück findet. Vielleicht war es deswegen, weil sie sagte, sie muss eigentlich auch pinkeln. Was aber im Nachhinein durch die Blume eigentlich hiess, ich soll einen Knopf machen. Irgendwann hat Haasi dann begriffen, dass ich nicht mehr komme. Und etwas in die Hose geht. Trotz Pinkelpause. Und muss Team für Team an ihr vorbeiziehen lassen. Und auf mich warten. Mit der anschliessenden Aufholjagd können wir beide unserem Aerger Luft machen. Und nach den ersten steilen Anstiegen nur noch nach Luft schnappen! Auf jeden Fall geniessen wir den Fichtelberg und seine schöne Aussicht jetzt umso mehr. In Zukunft wird bei jedem Gang aufs WC doppelt nachgefragt. Wartest du oder fährst du weiter???? Hihih.
7. Etappe
Oberwiesenthal - Seiffen 78 km 1600 Hm
Am letzten Tag sind alle froh, dass eine Etappe gestrichen wurde. Die Etappe ist schnell erzählt. Es geht über tolle Trails durchs Erzgebirge an der Tschechischen Grenze. Vor dem letzten Anstieg gibt es noch einen Sektempfang. Da uns das Team Zwillingskraft im Nacken sitzt, exen wir den Sekt in einem Zug im Durchfahren runter. Er brennt in unseren Kehlen wie reiner Bauernträsch. Wir mobilisieren unsere letzten Kräfte und erreichen den 5. Etappenrang. Im Gesamtklassement fahren wir von 32 gestarteten Teams auf den 6. Rang. Wir sind total zufrieden. An der legendären Finisherparty am Abend geht es hoch zu und her. Gutes Essen, lustige Gespräche, Haasentanz und Polonäse sind die Höhepunkte. Wenn ihr in Zukunft einen Deutschen mit einem Schweizer Fussballshirt mit dem Namen Pez antrefft, er heisst Michael und findet unsere Schweizer Sprache mega beruhigend. Neben dem Podestplatz sind die vielen neuen Bekanntschaften aus Deutschland, Holland, Polen, Rumänien, England und natürlich aus der Kuhschweiz die Höhepunkte unserer Trans Germany.
Wir freuen uns schon jetzt an den folgenden Rennen auf solche Höhepunkte.
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3 Kommentare:
Schweizer Fussballshirt "Pez" verschenkt ...fehlte darum an der Euro auf dem Platz ... Schweizer Nationalmannschaft hatte so keine Chance ... mein Typ fürs letzte Spiel ... zuerst 10 Minuten Haasentanz (mit den legendären Haken) auf dem Platz, dann sind die Portugiesen konditionell erledigt und die Schweizer können losballern. Gruss Bäbu.
Wow, das ist ja spannender als ein Thriller. Fesselnd, da kann man die Augen nicht mehr vom PC lassen. Super Bericht! Da kann man sich gut vorstellen, was da alles erlebt wurde. So, jetzt aber ab an die Arbeit. Käthy.
Spannende Geschichten, tolle Erlebnisse, witzig erzählt, das lockt sogar mich an den Computer.Wir freuen uns mit euch am Erlebten und warten gespannt auf Weiteres.
Jetzt hoffen wir nur auf besseres Wetter, bis später Hedy und Res
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